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In Deutschland sind immer mehr Manager arbeitslos. Sven Röder ist einer von ihnen. Sein Beispiel zeigt, wie hart der Arbeitsmarkt für ehemalige Chefs geworden ist – und welche Wege es aus der Krise gibt.
VON LEA HAMPEL UND NILS HECK
Sven Röder geht routiniert unter der niedrigen Brücke durch, schnelle Schritte, einen vor den anderen. Nebenan der Fluss, auf Bänken sitzen ältere Damen und schauen aufs Wasser. Ein Paar picknickt vor seinem Campingbus. Manche machen hier am Würzburger Mainufer im späten Frühling Urlaub. Röder, 53, etwa 1,90 groß, gebräunt, weiße, zurückgekämmte Haare, muss gehen, um sein Gedankenchaos zu sortieren, die Ängste, die Hoffnungen und die Frage, wie es weitergehen soll.
25 Jahre lang war er Manager und hat, wie er selbst sagt, ein „sehr, sehr gutes Leben“ mit „hohem Einkommen, viel Verantwortung und intensivem persönlichem Einsatz“ geführt. Arbeit, das war sein Leben, sein Hobby und seine Identität. Seit Januar ist Röder arbeitslos. „Nur: Ich fühl mich nicht so“, sagt Röder. Er selbst nennt die jetzige Zeit eine „Phase der Transformation“. Er war und bleibt eben Manager. Er betrachtet als Chance, was viele andere in dieser Lage wohl als veritable Krise bezeichnen würden.
Egal ob Krise, Chance oder Herausforderung: Die Arbeitslosigkeit ist zum Problem für viele Manager geworden. Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich gedreht. Jahrelang führte der demografische Wandel dazu, dass Fachkräfte sehr gefragt waren. Gehälter und Bedingungen konnten sie oft diktieren. Doch davon ist wenig übrig. Der Industrie geht es schlecht, Hunderttausende Arbeitsplätze fallen weg oder werden in den kommenden Jahren gestrichen. Die Zahl der Arbeitslosen knackte im April erneut die politisch wichtige Schwelle von drei Millionen, die Arbeitslosenquote ist mit 6,4 Prozent anhaltend hoch.
Firmen haben aufgehört, einzustellen, werfen reihenweise Menschen raus, die auf dem umkämpften Arbeitsmarkt eine neue Stelle finden müssen. Kaum eine Gruppe ist so heftig betroffen wie Manager.
Laut Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit für die SZ waren im April mehr als 54 000 Führungskräfte arbeitslos gemeldet – zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Im Vergleich zu 2023 sind sogar 40 Prozent mehr Manager ohne Job. Und in diesen Statistiken fehlen all diejenigen, die sich nicht arbeitslos melden. Etwa, weil sie mit großzügigen Ruhestandsregeln bald in Rente gehen oder sich als selbständige Berater versuchen, um dem Stigma der Erwerbslosigkeit zu entkommen.
Auch Sven Röder hat sich nicht direkt beim Arbeitsamt gemeldet, als sein Vertrag endete mit dem Thüringer Unternehmen, das er zuletzt geführt hat. Dass man auseinandergeht, wenn man sich uneinig ist, das kannte er. „Das gehört zum Geschäft“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Mit der Variante, die er erlebt hat, hat er jedoch nicht gerechnet. Drei Monate bevor sein Vertrag endete, hatte er im Januar dieses Jahres einen Termin zu einem Sachthema und erfuhr fast nebenbei: Das war’s für ihn. „Das hat mich schon schockiert.“ Aus seiner Sicht war das Unternehmen in einem wichtigen Veränderungsprozess, den er vollenden wollte. Die Bandbreite der Gefühle danach sei groß gewesen. Dazu hätten Angst, Sorge und auch ein Schamgefühl gehört, erzählt er.
Das Gefühl, Leistung erbringen zu müssen, für die Familie, die Gesellschaft, prägte Röders Leben. Über Jahre ging es aufwärts: Ausbildung zum Industriekaufmann, BWL-Studium, immer höhere Positionen, Chef von mehr als 1000 Mitarbeitern. Mehr als zehn Jahre hat Röder in Peking und Shanghai gelebt und war 90 Prozent der Zeit unterwegs. Nach dem Gespräch, das dies alles auf einen Schlag beendete, ging er in sein Büro zurück. „Als Erstes habe ich alles ausgeräumt“, erinnert Röder sich. „Innere Ordnung schaffe ich immer am besten, indem ich äußerlich aufräume.“ Keine Viertelstunde später rief er seine Frau an – und fuhr nach Würzburg, dorthin, wo er mit seiner Familie lebt. In den Wochen danach litt er unter gesundheitlichen Problemen, berichtet er. Zeitweise musste er sogar ins Krankenhaus. Dann kam Post vom Arbeitsamt, warum er sich nicht melden würde. Und er begann sich zu fragen: „Wer bin ich ohne Dienstwagen, hohes Gehalt und vollen Terminkalender? Wer bin ich ohne Job?“
Für viele Manager war die Arbeit jahrelang ihr Hauptlebensinhalt, sie haben alles andere hintangestellt. Nicht wenige ließen ihre Familie dem Job hinterherziehen, auch Röder hielt das so. Manche betrachten die Firma ohnehin als ihre eigentliche Familie. Ist der Job weg, landen viele in einer Situation, die selbst Optimisten wie Röder als Identitätskrise beschreiben. „Die haben sich den Popo für das Unternehmen aufgerissen, und jetzt soll das alles egal sein? Das ist extrem schmerzhaft“, sagt Christina Kock. Die ehemalige Bankvorständin betreibt seit 15 Jahren eine Beratungsfirma, die sich auf die berufliche Neupositionierung von Führungskräften 50 plus spezialisiert hat. Einkommensklasse: meist 100 000 Euro und mehr.
Wenn gekündigte oder schon arbeitslose Manager bei ihr sitzen, stehe oft deren ganze Biografie infrage, „man ist nach so einer Trennung auf einmal nichts mehr wert“, beschreibt Kock deren Gefühle. Hinzu komme neben dem Frust und Bedeutungsverlust ein Ohnmachtsgefühl, auch das für viele Manager eine eher fremde Emotion. Früher hätten sie die Probleme der Firmen gelöst, plötzlich seien sie selbst das Problem. Was die Lage verschärft: Oft sind es Führungskräfte gewohnt, dass neue Jobs zu ihnen kommen. Mal holt sie ein Ex-Kollege in seine neue Firma nach, mal klopft der Headhunter an, und so geht es immer weiter aufwärts. So lief das auch bei Sven Röder über Jahrzehnte. Und so läuft es auch bei mehr als 90 Prozent von Kocks Klienten. Bis dann plötzlich Schluss ist und stattdessen einmal im Monat ein Videocall mit dem Arbeitsamt im Terminkalender steht.
Wenn Manager zum ersten Mal bei Christina Kock anrufen, sagen sie oft diesen einen Satz: „Ich habe mich noch nie bewerben müssen.“ Nach ihrer Erfahrung fehlen vielen Führungskräften oft einfachste Grundkenntnisse, etwa wie man sich 2026 richtig für einen neuen Job bewirbt. Dies sei nur der Beginn eines noch größeren Problems: „Jobsuche ist ein Fulltime-Job, und wer das nicht versteht, der wird auch keinen Job finden“, sagt Kock.
Kock unterteilt ihre Klienten in drei Gruppen. In die erste Gruppe ordnet sie diejenigen ein, die sofort Geld investieren und sich professionelle Hilfe suchen. In der zweiten Gruppe verortet sie die, die auf eigene Faust etwas versuchen, weil sie über ein gutes Netzwerk verfügen und erst einmal alte Arbeitskollegen oder befreundete Manager ansprechen. Immer öfter beobachtet Christina Kock mit der fortschreitend schlechten Wirtschaftslage eine dritte Gruppe: die Frustrierten.
Sie meint damit die Führungskräfte, die schon ein Jahr und länger suchen und es dabei immer wieder in finale Endrunden schaffen, am Ende aber immer zweiter Sieger bleiben. „Die kommen richtig ermattet an“, sagt Kock. Im vergangenen Jahr hatte sie einen 59-jährigen Ex-Manager, der nur sagte: „Ich kann das nicht mehr, ich will mich nicht mehr auf offene Stellen bewerben, ich kriege ja sowieso nur Absagen“, berichtet Kock. „Diese ständigen Absagen führen in eine starke emotionale Abwärtsspirale.“ In solchen Fällen muss sie erst einmal Aufbauarbeit leisten, den Menschen zeigen, was sie über die Jahre erreicht haben, damit sie in Bewerbungsgesprächen mit genug Selbstvertrauen auflaufen. Sven Röder gehört der zweiten Gruppe an und versucht es erst einmal allein. Anfangs wusste nur seine Familie, dass sein Vertrag ausläuft, später erzählte er engeren Freunden davon. Regelmäßig besucht er Veranstaltungen eines Gründerkreises der Würzburger Sparkasse, „um im Austausch zu bleiben“, wie er sagt. Auch auf Linkedin und bei Stellenanzeigen im Netz schaut er genauer hin. Aus seiner Sicht ist das der richtige Weg.
Kock erlebt allerdings auch immer wieder Klienten, die irgendwann allein einfach nicht mehr weiterkommen, die bis zu 100 Bewerbungen in sechs Monaten geschrieben und fast nur Absagen kassiert hätten. Oftmals würden sich Manager auf alle möglichen Stellen bewerben, die irgendwie passen könnten. Denn man will ja irgendwas tun, und es könnte ja klappen. Doch auf diesem Level gibt es laut Kock schlicht nicht so viele passende, offen ausgeschriebene Stellen. Sie nennt diese Versuche daher gerne „Hoffnungsbewerbungen“, die aber meist zu Absagen führten. „Anstatt solche ‚Waste of Time and Energy‘-Versuche zu unternehmen, sollte man lieber Golf spielen, bei der Tafel helfen oder die Zeit für Weiterbildung wie KI nutzen, das hat immerhin irgendeinen Sinn“, urteilt Kock. Oder es wie Sven Röder machen: Der ist, drei Monate nachdem er sein Büro ausgeräumt hat, erst mal zwei Wochen auf dem Jakobsweg wandern gegangen. Natürlich erst, nachdem das Arbeitsamt den Urlaubsantrag genehmigt hatte.
Doch wie findet man die richtigen Stellen? Das Erste, was die Headhunterin ihren Kunden mitgibt, sind Leuchtstifte in Grün, Gelb und Rot. Jede Ausschreibung, die sie finden, sollen sie ausdrucken und jede Anforderung ehrlich markieren: Grün heißt, man beherrscht das Thema perfekt, Gelb: hat man schon mal gemacht, und Rot bedeutet: Da bin ich blank. „Wenn weniger als 90 Prozent grün sind, lassen sie das mit der Bewerbung“, sagt Kock.
Auch an die Bewerbungsmappen geht sie ran. Viele, sagt sie, sähen aus wie vor 20 Jahren, mit generischem Anschreiben und einem Lebenslauf, der über Seiten auflistet, wo jemand gearbeitet hat. „Wer heute als Führungskraft noch eine klassische Bewerbungsmappe hat, braucht sich über Absagen nicht wundern“, sagt Kock. Führungskräfte sollten zum Ausdruck bringen, was sie bewirkt haben, und nicht, womit sie beschäftigt waren. Das schafft Differenzierung zu anderen Bewerbern.
Sven Röder hat mittlerweile seine Mappe umgestaltet und nennt sie „Executive Dossier“. Damit bewirbt er sich. Sein Vorteil: Er ist knapp über 50 und experimentiert mit KI. Auch sonst versuchter, technologisch nicht den Anschluss zu verlieren. Viele Bekannte, die in einer ähnlichen Situation seien, aber ein paar Jahre älter, hätten Angst, abgehängt zu werden, sagt er.
Einfach ist es trotzdem nicht. Wer sein Dossier das erste Mal durchblättert, zuckt zusammen, glaubt Röder: Jahrzehnte im Ausland, Unternehmen mit dreistelligem Millionenumsatz. „Wer das liest“, glaubt er, „denkt als Erstes: Oh, der Kerl wird teuer.“ Doch Röder ist bereit für radikale Einschnitte. Eine neue Arbeit soll seine Fixkosten decken und ihm, so sagt er, „Gestaltung und Wirkung“ ermöglichen. Er möchte zudem mehr zu Hause sein als bisher. Weil das nicht jeder vermuten dürfte, der sein Dossier liest, habe er neulich in einer Bewerbung die totale Offenheit gewagt. „Gehalt ist für mich kein entscheidendes Kriterium, wenn der Job örtlich und gestalterisch passt“, habe er da reingeschrieben.
Unkonventionelles wagen, das empfiehlt auch Personalvermittlerin Kock. Mit ihren Klienten entwirft sie auch mal Briefe an Unternehmen. Auch wenn am Ende nicht alle gut ankommen, könne das durchaus zum Erfolg führen, meint sie.
Bei zwei Klienten hat das nach ihren Angaben funktioniert, der eine kümmere sich bei einem Mittelständler nun um das Thema Transformation, der andere baue eine neue Geschäftseinheit auf. Für Kock ganz klar ein Zeichen: „Es gibt da draußen mehr Chancen, als man denkt“, sagt sie.
Auch Röder will sich nicht entmutigen lassen. Zwar hat er noch nichts gehört von seiner jüngsten Bewerbung. Und noch macht er sich keine ökonomischen Sorgen, er hat keine hohen Fixkosten. Gerade trennt er sich von Dingen, die Geld, aber vor allem Zeit gefressen haben. Die Pause habe seinen Blick auf Besitz verändert, sagt er. Seine Oldtimer-Sammlung verkleinert er, mit seiner Frau zieht er in eine kleinere Wohnung in eine Gegend, in die sie lange wollten. Was von der Einrichtung übrig bleibt, verkaufen sie auf dem Flohmarkt. „Das hätte ich früher nicht gemacht, aber das macht Spaß.“
54 000
Führungskräfte – so viele Managerinnen und Managerinnen sind in Deutschland ohne Job. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Meist melden sich Top-Angestellte, die ihren Job verlieren, nicht bei der Arbeitsagentur. Sie wurden so gut bezahlt oder abgefunden, dass sie Übergangszeiten gut verkraften. Manche geben an, „selbständige Berater“ zu sein, was dann eine Beschönigung ihrer Unterbeschäftigung ist. Fest steht: Die Krise der deutschen Wirtschaft ist auf der Chefebene angekommen.


